Jan 03 2012
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28c3: hacker vs. frauen

28c3 talkDer alljährliche, europagrößte Kongress der Computerchaoten in Berlin ist für vieles bekannt und berüchtigt: hunderte Nerds, die in halbdunklen Räumen vor ihren Laptops hocken, dabei schnell zubereitbares – dafür lange warmhaltbares – Essen vertilgen und eine Flasche Club Mate nach der anderen leeren. Oder sie sitzen brav aufgereiht in Konferenzsälen und lauschen gebannt technischen Vorträgen über Bahnsignale, digitalen Unterschriften oder politischem Nebelsprech und treten dabei gelegentlich versehentlich leere Glasflaschen um, deren heller Klang den einen oder anderen Sprecher kurz irritiert.

Es gibt einen ganzen Stapel von Klischees, die absolut zutreffen. Der männliche Nerd ansich ist oft ein wenig schüchtern; manchmal auch ein wenig mehr. Denn auch wenn Frau es auf Veranstaltungen wie Barcamps noch gewohnt war, dass sich jemand einfach mal dreist neben sie stellt und sie anspricht, so konnte man hierauf in Berlin herzlich lange warten.

An dieser Stelle muss ich gestehen: Der 28c3 war mein erster Congress.
Daher war die Anzahl an Personen, die ich bereits kannte, recht überschaubar; 6 männliche, 3 weibliche. Bei etwa 4.000 verkauften Tickets kann man also davon ausgehen, dass so ziemlich alle vor Ort mich nicht kannten.

code hero on 28c3Neugierig probierte ich diverse Ansätze aus, mit der vorherrschenden Spezies in Kontakt zu treten:

A) planloses Rumstehen
Aktion: Zielloses Rumstehen oder -sitzen, neugierig in den Raum schauend oder fasziniertes Mit-dem-Handy-beschäftigt-sein.
Ergebnis: Niemand stellt sich spontan zu mir, spricht dich einfach mal an oder erzählt mir von seinem letzten aufregenden Projekt, von dem man unbedingt gehört haben soll.

B) planloses Rumgehen
Aktion: einfach mal die Gänge abgehen, neugierig rumschauen.
Ergebnis: Je nach morgendlicher Wahl des T-Shirts wird man öfter mal auf ebenjenes angesprochen. Eine Frau (Server-Admin) fragte freundlich, ob sie mein Shirt fotografieren dürfe.

C) random Lächeln
Aktion: zufälliges Anlächeln fremder Personen
Ergebnis: zumeist verschüchtert oder wenigstens irritiert. Nicht ein Mann lächelte einfach mal zurück. Mädels schon.

D) dreistes Ansprechen
Aktion: “Du, wir kennen uns ja schon von gestern vom Sehen, ne? Stört es dich, wenn ich mich hier auf die Sofalehne setze?”
Ergebnis: Ein gepolsterter Sitzplatz und für die nächsten Tage jemanden, mit dem man smalltalken konnte, wenn man sich sah.

E) Alkohl
Aktion: Party, laute Electro-Musik und ne Halle in gedämpftem Licht
Ergebnis: Ein gut angetrunkener Däne spricht mich (planlos herumsitzend) nicht nur von sich aus an, sondern erzählt mir auch eine Stunde lang in niedlich lallendem Englisch von diversen Sicherheitslücken in PHP und wie man diese vermeidet.

Wenn man sehr von sich selbst überzeugt ist, könnte man sich allenfalls darüber aufregen, dass keine Horden von Nerds auf einen zugerannt kommen, um der feinen Dame – dem seltenen Wesen – instantly den Hof zu machen und sie gar fürnehm nach Wohlbefinden und Familienstand zu befragen. Jede andere Frau ist vermutlich ganz froh, dort auch wie jeder andere Mensch behandelt zu werden.

Im Prinzip macht es keinen Unterschied, welches Geschlecht man im Ausweis stehen hat, die Reaktionen sind geschlechterübergreifend:

  • wenn man beschäftigt wirkt, nervt einen keiner
  • wenn man was Interessantes macht, wird vielleicht neugierig geschaut oder gefragt
  • wenn man jemanden etwas fragt oder bittet, wird einem immer geholfen
  • mit Vodka werden wir alle plüschiger ;)

Entgegen der landläufigen Meinung, die die letzten Tage über Twitter lief, wird man auf dem Congress in keinster Weise herabwürdigend oder frauenfeindlich behandelt.
Manches, was im Eifer als beleidigender Kommentar aufgefasst wurde, war vermutlich nichts weiter als der schüchterne Versuch eines humorvoll gemeinten Spruches. Man sollte darin nicht mehr Bedeutung suchen, als beim Aussprechen reingesteckt wurde.

Auf dem 28c3 ist man eines von viertausend Wesen dieser Galaxie. Und das Interesse anderer Personen an einem basiert nicht auf der Tatsache, ob das eigene T-Shirt in Brust-Höhe mehr oder gar nicht ausbeult.


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